Zug – Gedanken

Wie viele Stunden unseres Lebens sind wir eigentlich auf dem Weg, von A nach B, kurze und lange Wege, und doch ist das Ziel allein das Ziel. Unsere christliche Tradition erzählt an vielen Stellen davon, unterwegs zu sein. Dabei ist der Weg das Ziel – Unterwegssein als das ‚wahre‘ Dasein. Der Weg selbst als der Ort, an dem Leben hautnah zu spüren wäre? Mit Auto, Zug und Flugzeug ist den Menschen vielleicht dieser Zugang verlorengegangen, auch hier im ICE. Nicht umsonst machen sich Tausende als Pilger auf den Weg, in der Hoffnung, im Gehen, auf dem Weg etwas von dem zu erleben, was als Verheißung auf dem Weg liegen so. Doch kann es sein, dass wir es verlernt haben.

meint Hans Burkhardt

Zwischen Kaffee und Abendbrot – Gedanken

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ Wenn es Gott nicht gäbe, dann wäre Religion eine wunderbare Erfindung des Menschen. Ist das wirklich so? Hatte Ludwig Feuerbach mit seiner Kritik an der Religion im Prinzip Recht? In einer Welt, in der Religion nur noch eine Rolle spielt, wenn sich Menschen deswegen ums Leben bringen, scheint der Skeptiker Recht zu bekommen: lieber keine Religion, als eine, die andere Menschen umbringt!

In der Evolution der Menschheitsgeschichte war die Religion eine späte „Erfindung“. Mit der Möglichkeit des Menschen, über den Augenblick hinaus zu planen und sich an seine Vergangenheit zu erinnern, hatte er ein Instrumentarium entwickelt, die Welt und die Erfahrungen darin zu deuten. Mit dieser Deutung taucht die Frage auf: hat mein Leben, hat das Leben meiner Familie und meiner Sippe einen tieferen Sinn? Das war deshalb wichtig, weil damit dem eigenen Leben und dem Leben der Familie, der Sippe, des Volksstammes oder einer gesamten Nation Bedeutung zufiel. Ohne diesen Sinn wäre es schwierig, das eigene Leben als etwas Besonderes zu begreifen und ihm eine eigene Würde und Lebensberechtigung zuzusprechen. Aus diesen Überlegungen heraus war es nur natürlich, dass sich die Menschen Gedanken machen, wie Welt und Leben zu verstehen seien.

Dieses Nachdenken muss nicht unbedingt zu einer Vorstellung von Göttern oder einem Gott führen. Es wäre auch durchaus möglich, diese Kraft den Vorfahren oder der Natur an sich zuzusprechen. Es braucht nicht unbedingt ein göttliches Wirken hinter den Erfahrungen von Leben und Natur. Und doch hat sich aus den Erlebnissen und den Widerfahrnissen so etwas wie die Idee einer Macht im Hintergrund herauskristallisiert. Diese Vorstellungen mussten natürlich auch immer damit rechnen, dass nicht alles in der Welt erklärt werden konnte. Wenn eine Kraft hinter all den Dingen in der Welt stehen sollte, dann muss es auch eine zweite Kraft geben, die dieser lebensfördernden Kraft entgegensteht. Oder es gibt die Vorstellung, dass die Macht im Hintergrund beides beinhaltet: das Gute und das Böse. Beide Denkrichtungen haben ihre Klippen und Fallen.

Auch in den über Jahrhunderte und Jahrtausende ausdifferenzierten Systemen der großen Weltreligionen steckt im Prinzip nichts Anderes. Gotteserfahrung und Schicksal sind keine nachprüfbaren oder kollektiv erlebbaren Tatsachen, sondern sind und bleiben Interpretationen von einzelnen, von Gruppen oder Religionsgemeinschaften. Damit werden sie zu Glaubensüberzeugungen, die außerhalb der Erfahrung nicht verifiziert werden kann. Das ist die große Crux.

Speziell im Blick auf das Christentum bedeutet dies, dass wir uns mit all unseren Vorstellungen von Gott, von Jesus Christus und dem Heiligen Geist nicht nur auf dünnem Eis, sondern auf offenem Wasser befinden. Da trägt von außen betrachtet zunächst einmal gar nichts. Und alle Beteuerungen, es wird schon etwas Wahres dran sein, helfen im Blick auf eine objektive Beweisbarkeit überhaupt nichts.

meint Hans Burkhardt